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16.08.2004

Bloß nicht bei Raab landen

Von Thomas Lelgemann

WAZ Athen. Für die deutsche Olympiamannschaft war es zwar die erste Medaille in Athen, aber eben "nur" Bronze. Für die Judokämpferin Julia Matijass ging jedoch mit ihrem dritten Platz im Superleichtgewicht der größte Traum ihres Lebens in Erfüllung.

Die deutschen Judo-Fans tobten auf der Tribüne. Welch ein Auftakt für das Team des Deutschen Judo-Bundes. Sie schrien, sie schwenkten ihre Fahnen, sie schlugen sich vor überschäumender Freude auf die Schultern. Aber zu der zierlichen, 1,61 Meter großen Julia Matijass drang ihre Euphorie nicht durch. Die 30-Jährige kniete auf der Matte, schien in ihren Gedanken gefangen zu sein. Gerade hatte sie mit einem perfekten Uchimata, einem Innenschenkelwurf, den Kampf um Bronze gewonnen, doch die aufgestauten Emotionen sollten sich erst später entladen. "In diesem Moment habe ich an meine Familie, an meinen Mann und meinen Sohn Martin, an meinen Trainer Jürgen Füchtmeyer gedacht," verrät sie. Als sie sich gefasst hatte, ließ sie sich feiern, um dann schnell einen halbwegs ruhigen Platz hinter den Kulissen zu finden.

Wo war das Handy? Sie musste schnellstens eine Verbindung nach Osnabrück bekommen. "Ich wollte unbedingt mit meinem Mann und meinem achtjährigen Sohn sprechen", erklärt sie. "Mami, du bist toll, ich hab dich lieb", sagte Martin. Für Julia der schönste Glückwunsch des Tages. Ihr Mann musste sich erst erzählen lassen, wie sie dieses Bronzestück gemeistert hatte. "Er war zu nervös, um vor dem Fernseher zu sitzen."

Viele Glückwünsche sollten folgen. Und Interviews. Eines nach dem anderen. So ergeht es eben Athleten aus Randsportarten. Alle vier Jahre können sie aus dem Schatten treten, in dem sie dann schnell wieder verschwinden. Für Julia Matijass war der Interview-Marathon fast anstrengender als ihre Kämpfe: "Ich habe doch noch nie vorher in ein Mikrofon gesprochen. Die Aufregung war riesig. Aber solange ich nicht bei Stefan Raab lande, geht es ja noch."

Bis 1995 hat Julia Matijass in Sibirien gelebt. Sie war 1989 Junioren-Weltmeisterin im Judo, und 1993 holte sie diesen Titel im Sambo. Sambo? Die Sportlehrerin klärt auf: "Sambo ist eine russische Variante des Judo. Man tritt in kurzen Hosen an, und man greift oft die Beine an. In Russland kann man im Gegensatz zu Judo mit Sambo Geld verdienen."

Als sie mit ihrem deutschstämmigen Mann vor neun Jahren nach Osnabrück kam, fühlte sie sich zunächst einsam. Sie sprach kein Deutsch, der Sport half entscheidend bei der Integration. Inzwischen spricht sie fließend Deutsch. Am 1. September beginnt sie bei der Stadt Osnabrück eine Ausbildung zur Verwaltungsfach-Angestellten. Wie lange sie dann noch Sport und Beruf verbinden kann, weiß sie nicht. Zunächst bis zur WM in Brasilien im nächsten Jahr will sie weiter die Qual des Gewichtmachens auf sich nehmen. "In der Zeit, in der ich die drei Kilo abnehmen muss, um die Grenze von 48 Kilo im Superleichtgewicht nicht zu überschreiten, bin ich ganz schön zickig", erzählt sie.

In Athen darf sie nun zunehmen, wie sie will. Jetzt will sie erst einmal feiern. "Aber auf die deutsche Art", sagt Julia Matijass, "die russische mit Wodka ist mir zu gefährlich."

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