
Witten 13.08.2004
Er will keine Medaille, er will ein Finale
Judo-Kampfrichter Bode in Athen

Von Andree Hagel
Annen. Für einen wie ihn gibt es keine Weltrangliste zur Orientierung, er kann auch keine Medaille gewinnen und schon gar nicht Olympiasieger werden. Er wird aber bei den Olympischen Spielen in Athen zu den Top-Leuten seiner Zunft gehören: Stephan Bode, de Judo-Kampfrichter von der SU Annen.
Der 50-Jährige ist Deutschlands Nummer eins, und er ist seit Juli auch der Chef der deutschen Judo-Kampfrichter. Sein Titel: Bundeskampfrichter-Referent. Und Bode, für den das olympische Judo-Turnier am Samstag beginnen wird, ist jetzt, sagt er, "viel ruhiger als vor vier Jahren". 2000 in Sydney erlebte er seine ersten Olympischen Spiele. Damals habe er viel mehr Nervosität verspürt. "Ein fremder Kontinent", sagt Bode. "Und das waren die Jahrhundert-Spiele." Spiele, bei denen er das erreichte, was er auch in Athen erreichen will: ein Finale zu schiedsen. In Sydney stand er als Chef auf der Matte, als im Frauen-Mittelgewicht (70 kg) die Kubanerin Sibelis Veranes die Britin Kate Howey besiegte und Olympiasiegerin wurde. Neugierig ist Bode, der 2. Vorsitzende der SUA-Judoka, aber nicht nur auf die Judo-Wettkämpfe, von denen er sich erneut ein sehr hohes Niveau verspricht, sondern vor allem auch auf das Drumherum. "Ich bin gespannt", sagt er, "wie die Athener das organisatorisch alles in den Griff kriegen." In Sydney sei das top gewesen. Und Bode, der schon vier Weltmeisterschaften geschiedst hat, kann sich nicht vorstellen, dass das, was er in Australien erlebt hat, zu toppen ist. Allein schon, wenn er an die Eröffnungsfeier denke. "Das war", sagt er, "ein Traum."
Bode kann es nicht verhehlen. Er ist ein Judo-Verrückter in einem besonders positiven Sinn, der auch so ganz nebenbei noch den Zweitligisten 1. JJJC Hattingen trainiert. Obwohl: Das Judo habe inzwischen Dimensionen angenommen, sagt er, die er ohne Hilfe gar nicht leisten könne. Sei es die Familie, seine Frau Silke ist selbstverständlich, das Wort ist bei Familie Bode erlaubt, auch Kampfrichterin; seine Kinder Daniela, Inga und Fabian haben auch schon alle mal auf der Matte gestanden, aber der Sport hat sie nicht so gefesselt wie Mama und Papa. Und sei es auch der Arbeitgeber, der bei Englisch- und Sport-Lehrer Bode das Land Nordrhein-Westfalen ist. "Ohne die Freistellungen", sagt er, "könnte ich das gar nicht erbringen."
Familie, Beruf, Judo. Was bleibt da noch? "Zu was anderem reicht's nicht", sagt Bode. Was nichts daran ändert, dass ihm der Sommerurlaub heilig ist. Dafür hat er in diesem Jahr sogar die Internationalen Deutschen Meisterschaften sausen gelassen. Und das fällt einem Judo-Kampfrichter wie Bode, der vor 26 Jahren, also 1978, als Halbleichtgewichtler im SUA-Team stand, das den Sprung in die 1. Bundesliga schaffte, alles andere als leicht.
Zurzeit ist Bode die Ruhe selbst. Noch. Er rechnet damit, dass sich dies am Samstag ändern wird - zumindest ein bisschen. "Wenn du vor den Podesten stehst, ist schon Nervosität da", sagt er. "Das ist auch gut so." Nervosität ist in diesem Fall auch ein Synonym für Konzentration, die bei einem Turnier dieser Klasse von immenser Bedeutung ist. "Jeder Kampf erfordert absolute Aufmerksamkeit", sagt Bode. "weil jeder Kampf in der letzten Sekunde noch gedreht werden kann." Da sei es nicht möglich, mal eben aufnndie Nachbar-Matte zu schielen. 24 Kampfrichter, von denen acht Europäer sind, werden in Athen schiedsen - sieben Tage lang, an jedem werden zwei Olympiasieger ermittelt, eine Frau und ein Mann. In zwölf der 14 Finals könnten auch deutsche Judoka stehen. "Ich traue allen den Finaleinzug zu", sagt Bode. "Ohne Ausnahme." Einer dieser Kandidaten ist ein ehemaliger SUA-Mann, Andreas Tölzer (+100 kg). "Wenn's klappt, und ich die anderen beiden Finals bekomme", sagt Bode, "ist das doch okay." Das wären die Männer-Finals im Halbleichtgewicht (66 kg) am Sonntag und Leichtgewicht (73 kg) am Montag.
Diese Klassen hat der Deutsche Judo-Bund nichtbesetzt. Oder doch? Vielleicht mit seinerNummer eins, vielleicht mit Stephan Bode.