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30.06.2004

Mit Tunnelblick zum Gold

Judo-Weltmeister Florian Wanner bereitet sich mit Qigong auf Olympia vor

Von Thomas Lelgemann

WAZ Köln. Als amtierender Weltmeister trägt Florian Wanner vom TSV Großhadern beim olympischen Judoturnier in Athen in der Gewichtsklasse bis 81 Kilo die Favoritenbürde. Aber der 26-Jährige bleibt cool: "Es gibt zehn Leute, die eine Medaille holen können."

Zwei Wochen vor dem Beginn der Sommerspiele bat der Deutsche Judo-Bund gestern im Bundesleistungszentrum in Köln noch einmal zur Pressekonferenz. Die zwölf deutschen Olympiakämpfer (sieben Frauen und fünf Männer) haben sich in Köln den letzten Schliff für das Turnier in Athen geholt. Der Platz in der Mitte ist bei der PK für Florian Wanner freigehalten. Schließlich ist er seit 1995 der erste deutsche Judo-Weltmeister. Aber der Münchner ist alles andere als ein Star. Zögernd schaut er auf das Schildchen, auf dem sein Name geschrieben steht. Auch wenn er seit seinem Triumph im vergangenen Jahr bei der WM in Japan die Vorzeigerolle der Randsportart übernommen hat und sowohl bei Beckmann als auch im Aktuellen Sportstudio bei Johannes B. Kerner zu Gast war, ist es nicht unbedingt sein Lieblingsding, im Mittelpunkt zu stehen.

"Florian ist ein sehr ruhiger Athlet", sagt Bundestrainer Frank Wieneke, der vor 20 Jahren olympisches Gold holte. Wanner ist freundlich, und wenn er etwas sagt, hat es Hand und Fuß. Große Sprüche sind ihm allerdings fremd. "Ich war fleißig. Mehr als in guter Form nach Griechenland zu fahren, kann ich nicht tun", sagt Wanner, "ich werde alles aus mir herausholen. Aber wenn es nicht klappt, dann bricht für mich keine Welt zusammen."

So gelassen war er nicht immer. Nach der verpatzten WM 2001, als er schon in der ersten Runde ausgeschieden war, und diversen Verletzungsproblemen dachte Wanner sogar schon daran, den Judo-Kittel in den Schrank zu hängen. Wanner analysierte seine sportliche Situation und kam zum Schluss, dass er körperlich stark genug für die Spitze sei, dass er sich aber mental besser vorbereiten müsse.

"Die großen Kämpfe werden im Kopf gewonnen", weiß er heute. Qigong heißt sein Zauberwort. Die uralte chinesische Selbstheilungsmethode beinhaltet Bewegungsübungen und Entspannungsmethoden. Die Lebensenergie, auch Qi genannt, strömt in einem System von Leitbahnen im Körper. "In unserem Sport befasst sich kaum noch jemand mit der Spiritualität hinter dem Sport", sagt Wanner, "mir hilft Qigong zu optimaler Konzentration. Ich bekomme auf der Matte den Tunnelblick, ich nehme nichts mehr wahr außer meinem Kampf."

Mit seiner neuen mentalen Stärke und seiner exzellenten Technik hob er im vergangenen Jahr bei der WM in Osaka die Judo-Welt aus den Angeln. Alle sechs Gegner besiegte er mit Ippon, das ist im Judo ein voller Punkt, sozusagen ein K.o.-Sieg. Gegen den Japaner Jasohiro Akiyama lag er 13 Sekunden vor dem Kampfende noch zurück, doch Wanner blieb ruhig, sagte sich, jetzt muss etwas passieren, und startete die entscheidende Aktion.

Weltmeister, ein toller Erfolg, ein gut klingender Titel, der sich im Judo allerdings nicht zu Reichtum vermarkten lässt. Die Antwort auf die Frage nach seinen Verdienstmöglichkeiten gehört schon zu Wanners Standardprogramm. "Der Titel hat mir einen Ausrüstervertrag eingebracht. Ansonsten verdiene ich wie ein Fußballer", sagt Wanner, macht eine kleine Pause und legt schmunzelnd nach, "aus der Kreisliga." Tauschen will er trotzdem nicht mit den Kickern. Auch nicht mit denen aus der Champions League: "Die Millionen der Fußballstars sind doch Schmerzensgeld für ein Leben unter ständiger Beobachtung."

Für seine zweite olympische Teilnahme, 2000 wurde er Neunter, hat sich der Volkswirtschaft-Student der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität für zwei Semester befreien lassen. Eine Patenschaft der Sparkasse München, die WM-Prämie des Judo-Bundes und der Sporthilfe in Höhe von insgesamt 9000 Euro lassen ihn die Zeit überbrücken. Alles ist auf Athen ausgerichtet. "Das Erlebnis Olympia ist unbeschreiblich", sagt Bundestrainer Wieneke, warnt aber, "man darf aber nicht in einen Urlaubsrausch kommen, sich nicht ablenken lassen." Bei diesen Worten sieht es so aus, als ob Zuhörer Florian Wanner schon seinen Tunnelblick aufgesetzt hätte.

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